Professioneller Amoklauf

Hunter S. Thompson, der geniale Gonzo-Erfinder, soll einmal sein Vorgehen als "professionellen Amoklauf" bezeichnet haben. Ich hatte damals das Gefühl, einen solchen vor mit zu haben, als ich versuchte, einen Überblick über das gesammelte Material zu bekommen, was sich so auf Stefans Festplatten angesammelt hatte und nun tröpfchenweise durch meine kleine DSL-Leitung herüber kam. 
5500 Videodateien, 1500 Audiofiles, und die einzige Möglichkeit, ein File vom anderen zu unterscheiden, war der Dateiname: DLD_013-005_02.avi, scene'20031014 18.47.44, oder DRUG2LAN_halle.wav. Keine Inhaltsliste, keine Auflistung verwendeter Dateien, keine Möglichkeit, die HD-Aufnahmen zu verstehen, weil der Set-Ton nicht in der Videodatei, sondern getrennt auf Audiobändern aufgezeichnet war, und keinerlei Zuordnung zwischen beiden bestand. Ein Drehbuch (bzw. die Idee eines Drehbuchs), woraus die Hälfte weggelassen und eine Hälfte hinzugedichtet worden war, was aber nie jemand dokumentiert hatte...
Wie Stefan und seine Kumpels es überhaupt geschafft hatten, daraus einen Film mit Anfang und Ende zu machen, das war wahre Gonzo-Kunst!
Was für mich noch erschwerend hinzu kam: Ich wusste monatelang nicht, was ich überhaupt bekommen würde. Zuerst war es nur ein von Stefan geschnittener Filmversuch - daraus hätte man höchstens eine verwirrende Videoinstallation schneiden können, aber keine Filmversion mit anderem Timing. 
Ich wollte aber unbedingt, wenn ich mich schon an eine Umarbeitung setzte, viele Szenen im Schnitt anders gestalten, um den Film für mich stimmiger zu bekommen.

Ein paar Monate vorher hatte ich an Stefan geschrieben: "Ich denke, außer euch weiß keiner der bisherigen zuschauer, worum es eigentlich genau geht. Und das liegt hauptsächlich daran, dass der erzählfluss an entscheidenden stellen zu sehr unterbrochen wird ... man muss den Zuschauer mehr an die Hand nehmen, Dinge, die für Euch klar sind, idiotensicher machen ... es muss nichts nachgedreht, wohl aber ein paar Sachen umgestellt werden."
Das wollte ich jetzt tun, Szenen umstellen, Anschlüsse anders setzen, das Timing anders gestalten, und danach den Sound komplett neu formen. 
Was für mich nie in Frage kam: Einen komplett neuen Film machen, der etwas anderes erzählt. 

Ich hatte mich zu dem Zeitpunkt schon 2 Jahre mit dem Stoff beschäftigt und wusste immer noch nicht so richtig, wovon der Film eigentlich handelte. Natürlich hatte ich beim Komponieren der Filmmusik, die zu dem Zeitpunkt eigentlich fertig war, immer wieder versucht, gefühlsmäßig die Stimmung einzelner Szenen aufzunehmen und dann in die Musik zu legen, von Verstehen konnte aber keine Rede sein.
Ich wollte aber dahinter kommen, wollte tief graben, weil ich da eben auch viel vermutete, hinter ganz vielen Andeutungen, rätselhaften Sprüchen, eigenartigen Filmfiguren... Und so wurde der Schnitt auch zu einer Art Selbsterfahrung, einem Forschen und Entdecken, einem Aha-Erlebnis.
Zwei Dinge brauchte es, um weiter zu kommen: Unendlich viel Durchhaltevermögen - und Stefan Kluge.

Ohne tage-und wochenlanges Suchen in über 100 Stunden nichtkatalogisiertem Drehmaterial hätte ich nichts zum Schneiden gehabt. Allein durch Herumschnippeln an einer von Stefan erhaltenen Filmversion hätte ich viele Verbesserungsideen nicht umsetzen können. Es sollte aber eine enorme Frustrationstoleranz erfordern, immer wieder Videodateien anzuklicken, sekundenlang zu warten, bis sie geöffnet sind, sie anzuschauen... und zu verwerfen. Und weiter zu wetten: In welcher Datei könnte denn jetzt beispielsweise eine bestimmte Einstellung des ominösen roten Cadillacs stecken? Eher weiter oben oder weiter unten in den 1700 HD-Dateien?
Gerade am Anfang war das definitiv schlimmer als bei Sisyphos, bei dem rollte wenigstens noch ein Stein. Das einzige, was sich bei mir bewegte, war der Schwindel im Kopf. 
 Doch gerade, als ich nach tagelangem Durcheinander und völliger Verwirrtheit aufgeben wollte, bekam ich dann eben rechtzeitig einen knappen Tip von Stefan: DLD_020-003a_02.avi
Und ich erlebte erst das Gefühl der Überraschung "Ja, genau, wirklich, das ist es" und dann der Bewunderung "Wie kann man so ein Material so traumwandlerisch überblicken?" So ein Gespür im totalen Chaos war wirklich professioneller Amoklauf.

Das Gefühl von Verzweiflung, Ohnmacht und dann urplötzlicher Erleuchtung sollte ich noch öfters erleben, sogar noch jetzt, beim nachträglichen und endgültigen Ordnen des Rohmaterials, gibt es noch solche Momente. Ich glaube, man kann sich diesem Material nur auf 2 Arten nähern: Entweder mit völliger Selbstverachtung oder mit traumwandlerischer Unbekümmertheit. Mir blieb leider nur ersteres, da ich alles bin, nur nicht unbekümmert. Vielleicht, und damit wären wir wieder beim Film, fehlten mir für die sofortige Erleuchtung aber auch die  psychoaktiven Substanzen, die Stefan und seine Kumpels in Südamerika ja  gefunden hatten. 
Und weiter - jetzt wird es spekulativ - vielleicht sind ja auch Stefans Schwierigkeiten, alles fertig zu bekommen, auf ein Versiegen der Drogen-Quelle zurückzuführen?

Bei mir ging es jedenfalls nach katastrophalem Beginn schrittweise immer besser voran. Irgendwann sah ich Licht. Durch mein Nachfragen und immer wieder Erklären durch Stefan verstand (oder zumindest ahnte) ich nach und nach, was einzelne Szenen im Film an Funktion und Sinn hatten und entdeckte auch Wege, diese Sicht durch Kürzungen, Umstellungen und Ergänzungen etwas deutlicher zu machen. Im Nachhinein würde ich sagen, ich hätte mehr umstellen/ergänzen müssen, um meine jetziges Verständnis von Stefans Film, um wirklich alle Ideen klar zu transportieren. Aber: Das hätte ich nicht überblickt, und dann wäre ich nicht fertig geworden. 
Erst jetzt, mit 4 Jahren Abstand und mehr als 100-maligem Anschauen des Films, sehe ich so klar, dass es vom Wissen her möglich wäre. Nur: Jetzt habe ich die Zeit nicht mehr.

Was ist jetzt neu an meiner Fassung? 
Nichts. 
Und das ist vielleicht gut so, denn so ist auch noch 100 % Gonzo drin. Und 100 % Stefan Kluge.
Und was hat das Umstellen gebracht?  Wird jetzt der Zuschauer "an die Hand genommen", ist der Film "wirklich idiotensicher" (=eigener Anspruch)?
Nö.
Wenn ich mir das Ergebnis jetzt mit anderen Leuten zusammen anschaue, wirkt es unverständlich, komplex, chaotisch, rätselhaft. Und rauschhaft.
Ist halt 100 % Gonzo drin. 
Und Nomen ("Droge") ist in diesem Fall wirklich Omen.

Michael Georgi

Hamburg