Keine Droge zu Weihnachten!?

Irgendwann, 2007 war es wohl, stieß ich über Spiegel Online auf die Website von VEB Film Leipzig. Auf Einestages war gerade Stefans Story über seinen Route-66-Trip erschienen, und ich fand das ganze ziemlich abgefahren. Ich kannte das Gonzo-Genre noch nicht, die verrückte Reisestory übte also einen ganz neuen, aufregenden Eindruck auf mich aus. Mein Interesse war geweckt, ich schaute mir den Film "Route 66" an und entdeckte dann auch das neue, sehr professionelle ausschauende Projekt "Die letzte Droge".
Und als ich dann merkte, dass Stefan sogar noch Leute suchte, die alternative Filmmusiken zu dem Spielfilmprojekt schrieben, war ich als Musiker nicht mehr zu halten.

Filmmusik! Ich! Bei einem Open-Source-Film dabei! Das war genau das, was ich nie zu träumen gewagt hatte!
Die Email ging sofort raus, mit zittrigen Händen, und tatsächlich bekam ich von Stefan ohne großes Überlegen die Zustimmung "OK, find ich gut, mach mal" sowie Zugang auf eine frühe Schnittfassung auf dem ftp-Server. Nicht ohne Bitte, diese Version noch nicht irgendwo hochzuladen, um keine negativen Kommentare bei der Netzgemeinde über das noch sehr rohe Werk hervorzurufen. Das fand ich aber auch selbstverständlich, bei allem Schwärmen von free culture und dem bedingungslosen Teilen jedes kulturellen Werkes sollte man als Künstler schon noch die Gelegenheit haben, seine Arbeit in Ruhe zu machen.
Ich setzte mich also an das Klavier bzw. den Rechner und komponierte wild drauf los. Bzw. erst wild und dann immer langsamer und suchender, denn als Autodidakt merkt man eben erst nach und nach, was alles zu beachten ist bei einer solchen Filmkomposition. Ich hatte schon den Anspruch, dass die Musik funktioniert, dass sie unterstützend wirkt und auch handwerklich nicht hinter den ziemlich genialen Bildern zurücksteht.

Irgendwann merkte ich: Ich schaffe das nicht bis Weihnachten, dem angestrebten Veröffentlichungstermin. Stefan konnte mich jedoch beruhigen: Er und seine Kumpels brauchten auch noch länger. Ich bekam auch eine neue Filmversion und machte einfach weiter, in jeder Minute der Freizeit. Das ganze ging so weiter, das Frühjahr verging, der Sommer, der Herbst, es gab immer mal neue Schnittfassungen, und das nächste Weihnachten kam. Und nachdem danach dann noch ein Weihnachten kam ohne Veröffentlichung, merkte ich schon: Irgendwas klappt da nicht so ganz bei Stefan und seinen Kumpels.
Ich hatte jetzt mehrfach meine relativ vollständige Filmkomposition auf neue Schnittfassungen angepasst und wollte jetzt gern auch mal einen Schlussstrich ziehen. Also schrieb ich dann 2010 eine seitenlange Liste mit Verbesserungsvorschlägen geordnet nach Timecode an Stefan, um das ganze etwas zu pushen. Der fand das aber wahrscheinlich zu anstrengend und sagte einfach: "Mach doch deine eigene Filmversion, dann kannst Du alles so ändern wie Du möchtest."

Jetzt würden einige vielleicht Hurra rufen, ich dachte nur:"Scheiße! Ich und Filmschnitt? Kann ich das? Kann ich überhaupt noch mehr Zeit in die Sache stecken, mit Frau, Kind und einem anstrengenden Musikerleben? Geht das, ohne kaputtzugehen?"
Vielleicht hätte ich die Bedenken noch ernster nehmen sollen, aber der Ehrgeiz und die Ungeduld, das Ganze endlich abzuschließen, waren einfach größer. Und so wurde das Jahr 2010 das anstrengendste und nervenaufreibendste in meinem bisherigen Leben. Einlernen in das Schnittprogramm, mühsames wochenlanges Downloaden aller Quellen mit ständigen Abbrüchen, Sichten des Materials, Finden neuer Schnittpunkte... .
Und vor allem: ständiges Korrigieren der immer wieder auftretenden Fehler, die man als Autodidakt halt so macht. Die Hälfte vom Jahr 2010 ging für den Filmschnitt drauf, ca 3 Monate für das Sounddesign. Wobei das mindestens 6 Stunden täglich waren, zusätzlich zur Arbeit, inkl. Wochenende. Das bedeutete häufig nur 4-6 Stunden Schlaf, Gereiztheit und natürlich auch Ärger mit der Familie.

Weihnachten 2010 war der Film in meiner Fassung dann im Prinzip fertig, auch dank tatkräftiger Mithilfe einiger Mitstreiter aus ganz Deutschland, vor allem aber immer wieder von Stefan. An der Schnittfolge hat sich seither nichts mehr verändert.
Es sollten allerdings noch 4 weitere Weihnachten vergehen, bis dieser Remix eines verrückt-grandiosen Werkes endlich das Licht der Öffentlichkeit erblicken konnte.

Ein nächster Beitrag handelt davon, wie ich an den Film heranging, und wie viel Stefan Kluge noch in meiner Version steckt.

Michael Georgi

Hamburg