|
Geschrieben von Stefan Kluge
|
|
Tuesday, 7. February 2006 |
 |
La Paz / Bolivien, Oktober 2003
Nach zwei Monaten im scheißlebendigen Südamerika ist es Zeit für eine Pause.
Ich kaufe zwei Kilo Space-Kekse bei einem Bikerpärchen im Hostal Cactus, die einen 100 Liter Müllsack mit Hash-Gebäck im Kleiderschrank bunkern, und schließe mich im höchstgelegenen Hotelzimmer ein, das ich finden kann. Bezahlen kann. Alles, was ich brauche, ist MTV und ein freier Blick auf den Marktplatz. Auf den ich die Kamera richte.
MTV dient dazu, die Bilder des Marktes loszulösen. Aus dem scheißlebendigen Kontext. Das Shit brauche ich, um MTV drei Tage zu ertragen.
Es fängt unspektakulär an. MTV bringt viel Scheiß. Und ein paar Juwelen. Auf dem Markt: “Pimp my Shoes” und “Meet the Salesman”, allerdings ohne Kraftmeierei und Mütter, die gerne wie ihre Töchter wären. Ich betrachte das als Qualifying, bis die Kekse mich auf einem konstanten Rauschpegel halten. Nach 24 Stunden geht der Markt in Pole Position.
Irgendwann, wahrscheinlich am zweiten Tag, verliere ich das Zeitgefühl. Und die Orientierung, denn ich finde mich vor dem Schaufenster einer Fluggesellschaft wieder. Mich fragend, ob mir mein Unterbewusstsein etwas zu sagen hat. Normalerweise ist das ein guter Zeitpunkt, um ein Internetcafé aufzusuchen. Auch wenn ich in diesem Zustand die Leitung mit Porn-Downloads dicht machen würde, auf die sich direkt nach Ladenschluss der Admin einen runterholt. Aber es ist bereits Ladenschluss. Es ist nachts halb vier. Ich ende in einer Karaokebar. Die sich als Puff entpuppt.
Das scheint mir die erste Runde gewesen zu sein und der Markt kam sauber vom Start weg. Er hatte den Sender hinter sich gelassen, das scheißlebendige Leben hatte mich zurück, selbst nachts halb vier gab es offenbar mehr her als die Röhre.
Die zweite Runde steht bevor. Ich blockiere die Hoteltür. Es muss Sonntag sein, denn die Populärkultur fährt das Maximum auf, was sie zu bieten hat: die Verkaufs-Charts.
„Me Against the Music“: Britney setzt auf Altbewährtes, adressiert zielstrebig meine Eier und holt sich Madonna zum Fummeln vor die Kamera.
Mit „P.I.M.P.“ fahren nun die Schwarzen die Krönung aus über einem Jahrzehnt des meistverkauften Rap auf und feiern den Dollar dermaßen stilsicher, dass ich keine Sekunde zögere, Britneys Bankrott zu erklären. Das Forced Feedback der Nigga hat den Milchgesichtern das Joypad aus der Hand geschlagen und Britney & Co. zu ihren Huren gebattled.
Der nächste Clip. Christina Aguilera ist am Start. Die Latinos reißen das Ruder rum und Schwarz/Weiß ist Geschichte. Ich beginne in Farbe zu sehen! Was soll mich jetzt noch vom Hocker reißen? Ein Chinese?
Es passiert das einzig Mögliche: in „The Black Eyed Peas“ kommen alle Völker zusammen. Und fahren damit den Endsieg ein.
Der Dollar hat die Völker zusammengebracht. Und der Wettkampf bringt Kulturgüter hervor, die diese Botschaft weit über die Arena hinaustragen. Bis auf den Marktplatz, den ich observiere, wo ich nun, nach drei Tagen, einen winzigen Zeitungsstand bemerke. Ich sehe einen Schuhputzer auf der anderen Straßenseite. Er packt sein Werkzeug weg, nimmt die Sturmhaube ab, geht zu dem Zeitungsstand und stiert auf eine Zeitung. Auf dem Titel: die Black Eyed Peas.
Zeitgleich passiert in meinem Zimmer etwas Wunderbares: Ich erinnere mich wieder an die Schönheit der Coca Cola-Welt! Also packe ich meine Sachen und fliege nach Miami.
|
|