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Bolivien, Oktober 2003
Die Straße wird zur Lehmpiste; es gibt keine asphaltierte Verbindung zwischen der Hauptstadt und der einzigen Metropole des Landes. Wir fahren wieder auf 5000m Höhe. Es wird sehr kalt. Ich muss wieder pissen und der Bus hält wieder nicht an. Alte Leute sitzen regungslos im Bus. Manchmal zwanzig Stunden lang. Es wird noch kälter. Ich kann meine Füße nicht mehr spüren.
Ich wache auf. Die Sonne muss gleich aufgehen. Dann wird es wärmer sein. Der Bus steht. Ich muss raus. Paco ist regungslos. Wo sind wir? Wieso steht der Bus?
Vor dem Bus und dahinter stehen LKWs. Dutzende. Vom Horizont höre ich Schreie. Ich laufe los.
Yahoo!: "(AFP) Mitarbeiter der deutschen Botschaft haben am Samstagmorgen (Ortszeit) mit der Evakuierung der in Bolivien festsitzenden deutschen Touristen begonnen. Die erste Gruppe von 26 Urlaubern befindet sich nach Angaben aus gut unterrichteten Kreisen in La Paz bereits am internationalen Flughafen von El Alto. Weitere 83 Ausreisewillige warteten in einer Militäreinrichtung in der bolivianischen Metropole darauf, per Hubschrauber nach El Alto gebracht zu werden."
Ein Bus fährt mit unverminderter Geschwindigkeit auf die Menschenmasse zu. Ich überrage die Menge um einen Kopf. Ich bin der einzige Gringo. Ich bin auch der einzige mit einer 4000-Euro-Kamera in der Hand - die ich einschalte.
Eine Druckwelle erfasst mich. Ein paar Meter hinter mir wird ein Krater sichtbar. Ich höre "Gringo"-Rufe. Eine Gruppe grimmiger Typen starrt mich an. Ich nehme die Kamera runter. Und tatsächlich: der Kleinste der Gruppe greift nach einem Stein.
Der Bus erreicht die Masse. Und stellt damit einen neuen Gegner dar. An der anderen Front: vielleicht einhundert Bolivianer. Die Leute springen auseinander. Der Lärmpegel steigt. Steine fliegen. Ich höre Schüsse. Ein Reifen platzt.
Der Bus durchbricht die Blockade und verschwindet.
Es wird stiller. Köpfe drehen sich zu mir. Der Typ hat immer noch den Stein in der Hand. Ich nehme die Kamera wieder runter. Aber diesmal scheint es nicht zu reichen.
Es wird noch stiller. Die Zeit bleibt stehen. Ich warte auf eine Idee.
Ein Krüppel tritt aus der Masse. Er humpelt auf mich zu und bleibt vor mir stehen. Er mustert mich und fragt laut und langsam: "¿De qué país?"
Süddeutsche Zeitung: "Die Auseinandersetzungen greifen auf La Paz über. Bisher haben die Unruhen laut Berichten von Menschenrechtsorganisationen mehr als 70 Menschen das Leben gekostet."
"Alemania!" Ich sage es laut genug. Die Gesichter hellen auf. Der Zwerg lässt den Stein fallen. Ein paar Frauen drängen sich vor die Kamera und kichern. Ein Junge führt einen weiteren Krüppel vor. Er deutet auf ihn, sagt "Alemania" und lässt ihn seinen rechten Arm heben.
Gekicher. Ich schüttle den Kopf und zeige ihm, dass er die Finger strecken muss. Hat der größte Wichser der Weltgeschichte meinen Arsch gerettet?
Eine Stunde ist vergangen. Eine Arbeiterin will mich heiraten. Und gleich mitkommen, egal wohin. Die LKWs stehen noch immer. Es ist wärmer. Ich laufe zurück zum Bus. Schon von weitem kann ich eine Lücke in der Fahrzeugschlange sehen. Ich habe bereits 50 Trucks passiert. Hinter der Lücke sehe ich Trucks bis zum Horizont.
Mein Bus ist weg.
Außer der Kamera habe ich nichts weiter dabei.
Ein paar Trucker stehen um ein Feuer. Ich deute auf die Lücke zwischen den Trucks und zucke mit den Schultern. Ein Mann zeigt Richtung Horizont. Ich sehe eine Staubfahne. Davor: mein Bus.
Ich gehe zurück zur Blockade. Ein paar Frauen rufen meinen Namen. Sie zeigen in eine Richtung. Nach einer halben Stunde begegne ich Paco.
Die bolivianische Nachrichtenagentur Bolpress meldet, dass Präsident Sánchez de Lozada auf der Flucht sei. In einem peruanischen Hubschrauber hat er die von Tausenden von Menschen blockierte Hauptstadt La Paz verlassen.
Wir durchqueren die Blockade und fahren nach La Paz.
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