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Geschrieben von Stefan Kluge   
Friday, 3. February 2006
US-Südstaaten, 1999

Während eines Road Trips durch die USA gibt es nichts großartigeres als die allabendliche Suche nach einem Motel. Etwa eine Stunde vor dem Einkehren beginnt man damit, auf Schilder, Leuchtreklamen oder Gebäude mit der typischen Motel- Form zu achten, die man zu allen anderen Tageszeiten nicht mal wahrnimmt. Je billiger der Reklame-Look oder je schäbiger die Fassade, desto besser. Ich persönlich bevorzuge privat geführte Motels, die leider, zumindest entlang der Interstates, inzwischen fast vollständig von den Ketten verdrängt wurden. Mit der Zeit bekommt man jedoch ein Gefühl dafür, wo man diese originellen Privatmotels findet. Ich fahre dann einfach an irgendeiner Abfahrt Richtung Hinterland und lande in der Regel irgendwann vor einem Motel.

In einem der abgelegensten Motels von Texas habe ich 1999 einmal das schönste Weihnachten verbracht, an das ich mich erinnern kann. Es war so abgelegen, dass man uns auf die Frage nach dem nächsten Kino antwortete: „fahrt Richtung Norden, ca. sechs Stunden”. Ich reiste mit einer Freundin auf dem Motorrad durch die Südstaaten, als über Texas plötzlich eine Kaltfront hereinbrach. Völlig erfroren und unfähig, noch einen einzigen Meter zu fahren, hätten wir jedes Zimmer genommen. Umso unglaublicher war die Atmosphäre, die dieser Ort ausstrahlte. Zum einen war dort dieses kolossale King Size Bett, auf das wir uns schon seit acht Stunden Fahrt über vereiste, nicht enden wollende Straßen freuten. Und zum anderen hatten wir uns mit Unmengen von Junk Food ausgestattet, um unsere schmerzenden Gliedmaßen aufzutauen, bei kultigen Weihnachtsklassikern im Fernsehen und Subway-Burgern im Magen. Und wenn wir die schwere Holztür einen Spalt öffneten, nur um uns noch einmal davon zu überzeugen, wie toll es uns doch hier drinnen geht, dann konnten wir im Laternenlicht über der einsamen, feuchten Straße das Motel-Schild durch den Nebel scheinen sehen.

Motels sind alle nach dem selben Prinzip aufgebaut: ein oder zweigeschossig, eine dicke Tür und, meist links daneben, ein Fenster. Direkt unter dem Fenster ist die Klimaanlage installiert, die in der Regel so unerträglich laut ist, dass man nur besoffen, mit Ohropax oder überhaupt nicht schlafen kann, weil man vergessen hat, nach einem Nichtraucher-Zimmer zu fragen und sich das Fenster nicht öffnen lässt. Hat man ausgelost, wer der Dumme ist, der vorne schlafen muss und somit die ganze Nacht von der Klimaanlage brutal angeblasen wird, dann nimmt man die Fernbedienung, prüft die Kanäle: „Toll! HBO!” oder „Wo ist der Weather Channel?” und schaut sich schließlich das Bad an. Hier steht fast immer eine Badewanne. Auch in den billigsten Motels, obwohl dort niemand auf die Idee kommen würde, sich bei einem Glas Rotwein und einem gutem Buch in die schäbige, vergilbte Wanne zu legen, um den in Fetzen von den letzten zwei Ringen herunterhängenden Duschvorhang im Kerzenlicht zu bewundern.

Eigentlich sind sie alle gleich, aber jedes Motel hat eine individuelle Note. Und während man in die Dämmerung hinein fährt, fragt man sich schon, ob man heute Abend wieder über einen dicken, roten Plüschteppich laufen wird und ob die Zimmerantenne des festgeschraubten Fernsehers diesmal nicht mitten im Finale der NBA Playoffs vom Schrank stürzt. Trotz solcher Überraschungen gibt es jedoch stets zwei Konstanten: der Abstand zwischen dem Bett und dem parkenden Auto beträgt maximal drei Meter. Und im Nachtschrank ist immer eine Bibel. Ich habe in unzähligen amerikanischen Motels genächtigt, und nicht einmal in dem schäbigsten Stundenmotel im Armenviertel Houstons, in dem der Teppich rund um den Fernseher mit den Hinterlassenschaften wichsender Truckerfahrer verklebt war, musste ich auf eine Bibel verzichten.
 



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