Stefan Kluge: Route 66 hatten wir privat vorfinanziert - wir waren also völlig unabhängig. Für ein Fernsehrelease hätte man den Film massenkompatibel gemacht, womit er den Charm verloren hätte. Dann wäre er zwei mal im Jahr nach Mitternacht gelaufen und anschliessend im Archiv versauert.
Julia Seeliger: Dann habt ihr das ins Internet gestellt, wegen des 2004 noch teuren Traffics bei
archive.org - und dort ist es Pflicht, unter Creative Commons zu veröffentlichen. Wieso habt ihr euch denn gerade für CC-BY-SA-NC entschieden?
Stefan Kluge: Weil diese Lizenz unter den freien Lizenzen am populärsten war und übrigens immer noch ist. Die Lizenz gestattet das Kopieren, Aufführen und Ändern des Films - allerdings nur zu nichtkommerziellen Zwecken. Es entspricht einfach dem herkömmlichen Denken der meisten Menschen, anderen nicht zu gestatten, mit etwas Geld zu verdienen, das man selber gerne erst mal refinanzieren würde. Das das eine Milchmädchenrechnung sein kann, haben wir erst später rausgefunden.
Julia Seeliger: Wie ging es weiter? Wie wurde der Film aufgenommen? Hat die Presse reagiert?
Stefan Kluge: Die Presse war für einen No-Budget Independentfilm unvergleichlich.
Für eine solche Aufmerksamkeit hätte man als Verleih bei einem herkömmlichen Release mit einem siebenstelligen Betrag ins Land ziehen müssen. Vor allem die Free Culture und Open Source Gemeinde war begeistert und hat uns klar gemacht, dass die Veröffentlichung auch eine netzpolitische Relevanz hatte. Und das hat letztendlich dazu geführt, dass wir eine neue Produktion gestartet haben.
Julia Seeliger: Reagierten die von alleine oder habt ihr besondere PR-Strategien entwickelt?
Stefan Kluge: Wir hatten ein paar abgefahrene Guerilla-Aktionen laufen, die aber wahrscheinlich weniger Einfluss hatten. Ich denke es war wirklich die Tatsache, dass der Release film- und netzgeschichtlich wichtig war.
Julia Seeliger: Welche Rolle, noch mal ganz konkret nachgefragt, spielte dabei das Internet? Meinst du, der Erfolg eures Films wäre auch in nicht-vernetzten Zeiten möglich gewesen?
Stefan Kluge: Die ganze Identität des Projektes hängt unmittelbar mit dem Internet zusammen. Als Offline-Release hätte Route 66 nicht funktioniert: es hätte kein Feedback gegeben, das wir für die Motivation im zweiten Filmprojekt brauchten; und wir hätten übrigens letztendlich auch weniger Geld verdient.
Julia Seeliger: Bedingen sich Creative Commons und das Internet? Inwiefern hast du das beim Vermarkten von “Route 66″ und im Nachgang erfahren?
Stefan Kluge: Das hängt letztendlich vom konkreten Projekt ab. Im Low-Budget-Bereich dürfte es in den meisten Fällen so sein, dass Open Content im Netz besser funktioniert als Closed Content. Ich habe es bei einem Kollegen beobachtet: er veröffentlichte sein erstes Filmprojekt recht erfolgreich frei im Netz. Seinen zweiten, aufwendigeren Film dann allerdings aufgrund von Lizenzstreitigkeiten nicht mehr - was das Projekt zum Misserfolg machte.
Julia Seeliger: Wie finanziert ihr euch denn dann eigentlich?
Stefan Kluge: Über Sponsoren, Dienstleistungsaufträge, Spenden und DVD-Verkäufe.
Julia Seeliger: Was mich jetzt interessiert: In welchem Bereich bewegen sich die Spenden? Wisst ihr etwas über die Motivation der Spender?
Stefan Kluge: Die Motivation ist überwiegend ethischer Natur. Die meissten Spender sind mit der Free Culture Philosophie vertraut und wollen, dass sich in Sachen Copyright im Netz etwas ändert. Wir hatten ein paar Spenden um die 1.000 Euro - normalerweise eher zwei bis zehn Euro. Die genauen Zahlen veröffentlichen wir in unserem offenen Konto auf der Website.
Julia Seeliger: Welche neuen Potenziale erschließen sich für Filmemacher? Wird das die Filmwirtschaft grundlegend verändern oder bietet Creative Commons aus deiner Sicht eher Potenziale für bestimmte Genres? Oder halt für Low-Budget-Produktionen?
Stefan Kluge: So wie der Fernseher und später der Videorekorder den Filmmarkt verändert haben, so wird es auch das Internet tun. Ich vermute es wird sich einerseits ein großer Markt für Low Budget-Nischenproduktionen auftun und andererseits werden einige wenige sehr populäre Internet-Mainstream-Produktionen entstehen.
Julia Seeliger: Führt das Netz bzw. Freie Lizenzen zu mehr Vielfalt auch im Filmbereich?
Stefan Kluge: Unbedingt.
Beide VEB FILM Leipzig-Filmproduktionen wären beispielsweise in der klassischen Filmindustrie nie entstanden. Die Freien Lizenzen werden vor allem die Postproduktion demokratisieren - unabhängig vom Produktionsteam kann so jeder mit handelsüblichem PC und der entsprechenden Software die Filme verändern, übersetzen, weiterverbreiten. Das dürfte auch viele Quereinsteiger anziehen.
Julia Seeliger: Was können andere, verwandte Bereiche, zB der Musikmarkt, von dem Erfolg eurer Arbeit lernen?
Stefan Kluge: Zunächst einmal vielleicht das: wir erleben durch das Netz gerade eine Veränderung der Märkte in einer Dimension die mindestens dem Entstehen der Fernseh- oder Radioindustrie gleicht. Da ist man mit etwas mehr Weitsicht gut beraten. Und ein Blick zurück kann auch nicht schaden: die großen Medienunternehmen haben neue Technologien immer bekämpft, um ihre etablierten Geschäftsmodelle nicht ändern zu müssen und mussten immer wieder einsehen, dass dies ein Fehler war.
Julia Seeliger: 30 Leute am Set, die alle kein Geld verdienen - ist das auch eine neue Form der Arbeit? Oder beuten die sich alle selbst aus? Kann man so denn länger als, sagen wir mal, fünf Jahre arbeiten?
Stefan Kluge: Ich glaube, diese extreme Aufopferung ist nichts neues - der Filmmarkt war schon immer heiß umkämpft. Es wundert mich aber auch nicht, dass nur wenige Filmemacher dann auch konsequent den Weg ins Netz gehen, solange noch niemand bewiesen hat, dass man langfristig davon leben kann. Einsatz und Risko sind wirklich enorm. Ich würde bei vergleichbaren Projekten in Zukunft nicht mehr als drei Jahre einplanen, weil sich die persönlichen Umstände und Interessen der Beteiligten in einem längerem Zeitraum einfach zu stark ändern.
Julia Seeliger: Ihr macht jetzt einen neuen Film - “Die Letzte Droge” - Was ist daran besonders?
Stefan Kluge: Wir waren 2003 für den Film ein viertel Jahr mit Handkameras in Südamerika als Backpacker unterwegs. Da kommt völlig anderes Material zusammen, als wenn man mit einer Filmcrew verreist. Es wirkt authentischer. Zwei Drittel des Films sind dann später in Leipzig im Studio entstanden. Der Film ist also schon von der Entstehung her sehr ungewöhnlich.
Julia Seeliger: Den Film stellt ihr unter eine Kommerziell-Lizenz - warum?
Stefan Kluge: Die Creative Commons BY-SA-Lizenz ist sowohl politisch als auch ökonomisch gesehen für mich die Konsequenz aus dem, was ich in den letzten Jahren über Netzpolitik und Internetkultur gelernt habe.
Es wird Zeit, dass Netzkünstler sich von den unverhältnismässigen, radikalen Gepflogenheiten, die die Copyright-Generation im Netz an den Tag legt, verabschieden und die Möglichkeiten dieses Mediums als Chance aufgreifen. Und das geht nur, wenn wir uns nicht selbst im Weg stehen, indem wir uns gegenseitig verbieten, mit unserer Kunst Geld zu verdienen. Wenn man an diesem Punkt angekommen ist, dann kann man sich überlegen, wie man ein alternatives Geschäftsmodell entwickelt, das nicht auf Lizenzverkäufen sondern zum Beispiel auf der Basis von Dienstleistungen oder Werbung basiert.
Julia Seeliger: Was meinst du, ist der Denkfehler bei vielen Künstlern? Wieso haben die Angst, unter eher liberalen Lizenzen zu veröffentlichen?
Stefan Kluge: Prinzipiell würde ich Lizenzen nicht ablehnen, die nicht so radikal frei sind, wie die Creative Commons BY-SA. Auch wenn es natürlich ein Statement ist, etwas unter dieser Lizenz zu veröffentlichen: Daran erkennt man oft Künstler, die es ernst meinen, mit dem Netz. Wer sich in der Offline-Welt zu Hause fühlt und in der Lage ist, seine Werke dort zu verkaufen, der kann sicher durchaus auch in Zukunft noch von Lizenzverträgen leben, d.h. Lizenzen für die kommerzielle Nutzung seiner Werke an Labels, Sender oder Studios verkaufen. Für den macht es Sinn, für seine Musik oder Filme nur die Privatnutzung im Netz zuzulassen, z.B. unter Creative Commons BY-NC.
Allerdings dürfte das auf die wenigsten zutreffen, die unter den weniger freien Creative Commons Lizenzen veröffentlichen. Die meisten wären tatsächlich besser beraten, die kommerzielle Nutzung und das Remixen zu gestatten. So entstehen die wirklich interessanten Kontakte, Remixe und Veröffentlichungen. Dass die Leute es trotzdem nicht machen, liegt sicher daran, dass im Netz radikal andere Marktverhältnisse herrschen. Wir müssen alle erst umdenken.
Julia Seeliger: Mit welchen Maßnahmen flankiert ihr diese liberale Lizenz? Was bietet ihr den Nutzern noch an?
Stefan Kluge: Wir werden alle Projektdateien, das Footage und die Dokumentation online stellen, alles mit dem Ziel, es Filmemachern so einfach wie möglich zu machen, sich dem Projekt anzunehmen. Wir supporten auch schon seit längerem Künstler, die mit unserem Material arbeiten. Für 2009 planen wir den Verkauf von vorinstallierten Schnittsystemen, auf denen auf Open Source Software-Basis der Film und das Footage fertig zum Schnitt bereitliegt.
Julia Seeliger: Hast du keine Angst, dass andere mit eurem Film Geld verdienen?
Stefan Kluge: Im Gegenteil. Das kann eine Lawine ins Rollen bringen. Wo Geld zu verdienen ist, können auch Profis ihre Zeit investieren und damit Mehrwerte schaffen, die die Zielgruppe des Films erweitern und das Label bekannter machen. Das wiederum kann uns Dienstleistungsaufträge bescheren und weitere Sponsoren.
Die Lizenz gestattet nicht nur anderen, sondern uns selbst natürlich auch, Remixe oder Übersetzungen des Films zu verkaufen. Wir verdienen also mit, wenn andere verdienen. Der Unterschied zu herkömmlichen Deals ist, dass wir die Kontrolle darüber abgeben, da die Lizenz dies pauschal allen erlaubt, ohne dass man auch nur nachfragen müsste. Ich denke das wird sich mit der Eigendynamik des Internets gut vertragen.
Julia Seeliger: Seien wir gespannt - Viel Erfolg mit “Die Letzte Droge” und Danke für das Interview!
Stefan Kluge: Gerne - viel Spaß mit unserem neuen Film im Dezember!