Tom hatte den Mini-Moog einem Londoner Studio abgekauft, in dem Phil Collins 1984 sein drittes Soloalbum aufgenommen hatte. Beim ersten internen Preview des Route 66 Soundtracks hat es mir die Boxen meines alten Sager-Laptops zerrissen. "Das ist eben nix für Deine Kinderboxen" war alles, was der Bechholds dazu zu sagen hatte.
Jedenfalls flog gerade etwas durch den Laderaum, weil irgend ein Affe am Hermsdorfer Kreuz seinen Spoiler verloren hatte. Auf allen drei Spuren wurde gleichzeitig gebremst, als ob Ahmadinedschad gerade eine Kernwaffe ins McDonalds geknallt hätte und sämtlichen Bayern auf der A9 bei 240 der Boardcomputer ausstiege.
Andrea packte den Dackel beim Schopf und fing an, sich totzulachen, als die Karre endlich stand. Andrea wird eigentlich nie genannt, muss trotzdem immer im Hintergrund den Laden schmeissen, jeden Mist mitmachen, sich für keine Arbeit zu fein sein und mit einem Haufen von Verrückten klarkommen.
Da Andrea den Versand bei VEB schmeisst und zwar von wo auch immer sie sich gerade befindet, kennt sie inzwischen übrigens auch jeden Briefkasten in Mittel-, Süd- und Westdeutschland persönlich. Und eigentlich auch im Norden.
Komischerweise hatten wir uns auch beim Informatikstudium kennengelernt. Sie war eine von den zwei Frauen, die in unserem Jahrgang tatsächlich das Diplom schafften, dabei wollte sie ursprünglich Museologie studieren. Und soweit ich mich erinnere, waren wir eigentlich überwiegend damit beschäftigt, auf umgebauten Rennmaschinen herumzufahren und Softporn-Fotos zu schießen. In meinem Wohnheimzimmer lief dabei permanent ein 1000-Zeichen-Perl-Einzeiler, der irgendwelche Tittenseiten spiegelte. Via 28k-Modem. Ich glaube das war noch zu Impulswahl-Zeiten, als man mit einem 11er Impuls kostenlos telefonieren konnte.

Andrea war dabei, als Tom und ich drei Monate am Stück 18 Stunden am Tag Route 66 postproduzierten. Als mich unter der Dusche die erste Zeitung anrief, die Route 66 mit 500.000er Auflage pressen wollte. Als wir bei 5 Grad zwei Monate lang in einer unbeheizten Lagerhalle die Droge drehten. Als Tom ein Jahr lang sämtliche zu verkaufenden Wassertürme, Bahnhöfe, Freibäder, Pornokinos und andere absurde Räumlichkeiten auf Tauglichkeit als neue VEB FILM Leipzig-Zentrale begutachtete, schliesslich eine Sterbeklinik fand, kaufte und herrichtete.
Im LKW: es stinkt nach Gummi, irgendwo hinter uns pfeifen ein paar Reifen und der Dackel kuckt lustig aus dem Fenster. Andrea sucht den Verkehrsfunk. Plötzlich einer dieser raren Momente, in denen sich die Arbeit eines Jahres auf 5 Sekunden zu verdichten scheint: wir hören in den Nachrichten, dass VEB FILM Leipzig südlich von Leipzig ein neues Gelände bezieht. Andrea ist wie immer dabei.






