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Warum immer retro? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Philipp Paul Klose   
Saturday, 3. November 2007
Ich finde es irgendwie absurd. Wenn ich mir diese bunt bebilderten und wirklich hübsch gestalteten Recording-Magazine anschaue, dann überkommt mich schon seit einiger Zeit eine bohrende Frage: In welchem Jahr leben wir eigentlich? Auf den ersten Seiten liest man von neuen Entwicklungen, neuen Technologien, neuen Plugins, neuen ultra-linearen Preamps, neuen Mikrophonen mit Frequenzgängen so Flach wie Niedersachsen, neuen Computern mit Festplatten so groß, dass man sich mit Infinetisimal-Berechnungen der Menge der speicherbaren Bilder und Songs asymptotisch nähern muss. Aber dann, im selben Atemzug, nur zwei oder drei Seiten weiter wird vom tollen Sound der Geräte von damals geschwärmt. Häufig mit verbalen Girlanden und Schleifen geschmückt und als Charakter verkauft. Für wie viel? 2213 € (inkl. 19% Mwst.) für einen einkanaligen UA 1176? Warum? Dieses Schaltungsdesign ist fast so alt wie Elvis und dennoch reißen sich die Käufer darum. Das soll nicht heißen, dass das Ding schlecht ist, oder sein Geld nicht wert ist, gute Ingenieurs-Kunst ist teuer, aber wo bleiben die wirklichen Innovationen? Was Tolles von heute? Sachen, mit denen man Musik von heute machen kann?

Bei Instrumenten ist es dasselbe. Der letzte Synthie mit neuem Synthese-Ansatz in den letzten Jahren (an den ich mich erinnere) war der Hartmann Neuron. Und die sind an dem Ding pleite gegangen, weil es niemand haben wollte. Keine Ahnung, warum. Bei Gitarren genau dasselbe. Seit vierzig Jahren werden diese seltsam bespannten Bretter mit den Spulen in der Mitte verehrt. Unverändert. Und die nächste achtziger Retro-Welle kommt bestimmt auch wieder. Na toll.

Viele Grüße
Philipp
 
Kommentare

Aus redaktioneller Perspektive wuerde ich mal folgendes vermuten: entweder fährt die Zielgruppe auf Retro-Zeug ab und/oder die Redakteure. Wenn das bei den Redakteuren der Fall ist, dann vielleicht aus nostalgischen Gruenden oder weil die die 'grassroot'-Entwicklungen nicht mitbekommen (ich meine die, die auch jenseits der neuen Produkte der üblichen verdächtigen Hardwarehersteller stattfinden, die dann sowieso per Pressemeldung in alle Redaktionen gehen).

Aber eigentlich ist meine Erfahrung generell: sobald Du wirklich tief in eine Materie eintauchst, wird es so speziell, dass es, wenn überhaupt, kaum noch Printmagazine gibt, die Dir was neues sagen können. Dann bleibt meist nur noch das Netz.

Dein Klagen erinnert mich an disrupt, der das Leipziger Musik-Netlabel jahtari betreibt: er ist auch der Meinung, dass zu wenig Innovation in seinem speziellen Bereich der Musik stattfindet. Das koennte auch wirklich mit den immer selben Tools zusammenhaengen, mit denen die Mugge gemacht wird.

Veröffentlicht von Stefan Kluge, am 11/02/2007 um 16:15

Man kann als Musikmagazin ja auch keinen Studiobericht machen in dem dann rauskommt das die jeweiligen Produzenten/Bands viel üben, nen Plan haben, das schon sehr lange machen, sehr viel angefangene Tracks einstampfen, trotz acht Stunden am Tag im Studio locker ein Jahr für ne neue Platte brauchen etc.
Da ist es halt viel besser ne Gear-Liste runterzuschrabbeln damit die Leute das Gefühl haben wenn sie den Krempel im Studio stehen haben könnten sie genau so gute Musik machen. Und natürlich gibts ein paar Standards die man nicht unterschreiten sollte, mit 10-Euro Brüllwürfeln aus dem Supermarkt um die Ecke wird die Mukke nicht fett und mit nem 15-Euro-Mikro ohne vernüftigem Raum werden die Gesangsaufnahmen nix, aber ich kenn Leute die mit ner gecrackten Reason-Version und 1000 €-das-Stück-Monitoren unterwegs sind aber nicht mal ein generelles Verständnis von Mixing haben (da nützt auch das beste 'AutoMasteringPlugin' nix wenn sich Basedrum und Bass beissen), oder die in nem Matthew-Herbert-Video ein Kaosspad gesehen haben, sich das kaufen, durch die Presets steppen und sich dann wundern das ihre Mukke immer noch nicht richtig cool ist.

Abgesehen davon drängt auch immer mehr die musikalische Unterschicht aufs Parkett, ich hab neulich ein Demovideo von Sequel gesehen (Steinbergs Antwort auf MagicMusicMaker), da sitzt ein geschniegelter Idiot da, klickt drei Factory-Loops zusammen und schwafelt die ganze Zeit was von 'ich mach hier grade Musik'. Könnt ich durchdrehen. Malen nach Zahlen hat auch nix mit Kunst zu tun. Und da ist es für Profis halt ein ganz guter Ausweg sich mit arschteurem, teilweise sinn- oder charakterlosem Vintage-Gear abzugrenzen.

Veröffentlicht von Looza, am 11/03/2007 um 09:23

Den Begriff 'musikalische Unterschicht' finde ich ja sehr interessant. Das ist wahrscheinlich die Schattenseite der Demokratisierung der Produktionsmittel. Aber Du hast schon recht, das hat in den wenigsten Fällen was mit Musik zu tun. Trotzdem habe ich das Gefühl zu wenig Tools für Musik von heute angeboten zu bekommen.

Apropos Sequel: Ich habe mir letztens die Demo dazu runtergeladen. Von der Ergonomie her ein super Programm! Alles funktioniert mit einem Klick und einem Fenster, Inserts werden standardmäßig geladen, dazu gleich die passenden Presets. Sehr übersichtliche Oberfläche. Das Verständnis des Programms hat mich 10 Minuten gekostet und ich hab wieder erwarten einen ganzen Sonntag damit zugebracht ein paar chillige Loops zusammenzukleben. Wäre das mein erstes Musikmach-Programm gewesen hätte ich bestimmt schon an diesem Sonntag ein neues Lebensziel gehabt, nämlich Musikproduzent zu werden. Vom Umgangsfaktor könnten sich so manche Hersteller noch was abschauen.
Wenn ich in meinem Oberstübchen krame hat mich so ungefähr vor acht Jahren ein Plattenspieler und ein Magix Music Maker zu meiner heutigen Tagesbeschäftigung gebracht. Vielleicht sind diese Newbie-Progs wichtiger als man gemeinhin denkt…

Veröffentlicht von Philipp Paul Klose, am 11/03/2007 um 12:32

Ich hab auch nix gegen die Programme an sich. Musikmaker ist ja inzwischen auch schon mit nem Pianoroll und nem Drumpattern sowie VST-Schnitstelle etc. gesegnet, das heißt die Leute die dann auf mehr Lust haben als nur ein paar eh schon passende Loops zusammen abzuspielen können dort auch weitermachen (In der Hinsicht ist Sequel ziemlich mau), aber speziell dieses Loops-aus-ner-4GB-Library zusammenklicken (wie auch bei Garage-Band übrigens) hat halt noch nix mit 'Musik machen' zu tun. Es stimmt aber auch das die großen Programme inzwischen eine perverse Lernschwelle haben, ich möchte nicht gezwungen sein mit einem der großen Sequencer neu anzufangen, da ist ein halbes Jahr nur Handbuch ackern angesagt denke ich.
Und ich muss auch sagen das ich so ein bisschen Producerethik habe, ich bin auch eher der Presethasser und bei mir kommt ein Loop nur geschnitten/bearbeitet in die Musik.

Wenn du neue Sounds/Ideen suchst kann ich dir sehr die letzten beiden Platten von Amon Tobin ans Herz legen.

Der Splinter Cell Soundtrack (von dem Spiel) ist ein krasses Effektgewitter, normalerweise hat man ja nach ein paar Jahren ne Vorstellung davon wie die Leute so ihre Sounds hinbekommen oder kann einfach Effekte benennen, bei dem hatte ich aller zehn Sekunden die Frage 'Und wie macht der *das* jetzt bitte ?' im Hirn.Bei einem Track läuft z.b. ein völlig kaputter Kontrabass-Loop durch den er imer mehr durch den Wolf dreht und ich hab keine Vorstellung davon wie. (Gibts auch ne 5.1 Version von, hab ich selber leider noch nicht gehört).

Die neue Platte, 'Foley Room' ist noch etwas krasser, da hat er quasi für das Frequenzspektrum komponiert, also einfach aufgenommene Geräusche so aufgeschichtet das die Musik rein technisch irgendwie nah am weißen Rauschen ist, einzelne Instrumente sind teilweise gar nicht mehr auszumachen, tausend kleine Grooves schwirren in der Gegend rum ... Hört sich zwar total kaputt und noisig an, ist dann aber doch überraschend gut.

Veröffentlicht von Looza, am 11/03/2007 um 15:00

Das Zeug von Amon Tobin ist wirklich nicht schlecht. Danke für den Tipp!

Veröffentlicht von Philipp Paul Klose, am 11/04/2007 um 10:20

Liebe Leute,
ganz neu bei Euch und schon Kritik:
sagt doch bitte dem Gestalter Eurer Seiten, er möge diese blassen Farben unterlassen. Das ist was für die Seh-Täfelchen bein Optiker.

und eine Frage:
wir haben Euren Amerika-Film gesehen. Toll!! Gerne würden wir eine
DVD haben, aber die angebotenen Zahlsysteme akzeptieren wir nicht.
Geht es auch per Vorkasse? Dann mal her mit einer Rechnung über 20 Euro
Gruß Werner Röder, Institut für Video

Veröffentlicht von Werner, am 01/12/2008 um 11:59

@Werner: What - blasse Farben? Das ist state of the art design, ich glaube Du brauchst 'nen neuen Monitor! ;o)

Danke für die Route 66-Bestellung! Die Rechnung ist unterwegs.
Grüße, Stefan

Veröffentlicht von Stefan Kluge, am 01/17/2008 um 10:04

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