Der Anfang von Route 66 Der Film
Im Sommer 2002 habe ich in einem Cafe in Leipzig die „1. Betaversion“ des Buches von „Stefan Kluge – Route66 in einem 74er Cadillac“ auf Stefans Laptop vor die Nase gesetzt bekommen. „Klasse – da machen wir einen fetten Hollywoodschinken draus“, meine Antwort. Ein TV-taugliches Doku-Format von 42min sollte es dann werden.
Im Sommer 2003 trafen dann Mathias Eimann und Stefan Kluge bei mir in Aachen ein. Sie nisteten sich fest, beschlagten mein Studio, frassen mir den Kühlschrank leer und steckten sich das ein oder andere nützliche Teil in ihre Jacken ein…
Nach einigen Tagen war die 1. Szene im Kasten: NEW YORK CITY.
Vorgabe für die Musik war, ein etwas belangloser, beschwinglicher Sound, der verdeutlichen sollte: New York wird trotz seiner schwermütigen, tragischen Aura abgehandelt, wie eine kurze flüchtige Sightseeingtour. „Route66 …“ sollte kein sozialkritisches Werk mit Erklärungsversuchen, Mitleid und Tiefgang werden.
geplanter New York-Style: schnell rein, schnell raus, weiterfahren. Kein Drama. Einziges Atemanhalten = die Musik stoppt kurz, als die verzerrten Bilder vom 11.September eingeblendet werden
Nachdem der Style des Filmes festgelegt war und uns die Arbeitsweise „vom Bild - zum Sound - zum Film“ eigen wurde, arbeiteten wir räumlich getrennt weiter. Ich komponierte in Aachen, Stefan sichtet das Filmmaterial und schrieb das Szenebuch in Leipzig und Dresden.
Anfang 2004 kam Stefan wieder nach Aachen ins Studio. Der Film sollte in 14 Tagen fertig sein. Es kam aber anders: Das vorliegende Bildmaterial und unsere Ideen liessen es zu, dem klassischen DOKU-Style zugunsten eines psychedelischen Roaddramas den Rücken zuzuwenden. Aus der ursprünglich geplanten 42min Kurzdoku wurde dann die 103 min Spielfilmversion. Aus veranschlagten 14 Tagen Produktiondauer wurden 3 Monate, ohne Unterbrechung, 15 Stunden am Tag.
Sounddesign
Musikalisch bekam ich weitgehend freie Hand. Das ging dann in etwa so: Stefan: „Hierhin muss was elektronisch-kühles. Mach mal!“ Toll, das sind die Aussagen die ein Filmkomponist zu wahrlich großen Taten führt. Also setzte ich mich an die Synthesizer, ans Klavier oder (zum Schrecken Stefans) an die Orgel. Stefan: „Scheisse Mann, du klingst wie Helge Schneider auf EXTASY!“
Meist konnten wir uns schnell auf einen Sound, auf einen Rhythmus oder Verlauf der Musik einigen. Hin und wieder brauchte aber auch Stefan mehrere Nächte, bis ihm die Musik eigen wurde. Aus: „Du dumme Sau, dieser klerikale Quatsch haut mich nicht vom Hocker!“ wurde dann hin und wieder: „Mann ist das geil! Gott spricht durch dich!“ Oft vergaß er dabei seine niederschmetternde Kritik vom Vortag, betreffend jenes Musikstücks.
Zwischenmenschliches
Wenn man von morgens 9.00 bis nachts um 2.00 Uhr, Wochenlang nebeneinander sitzt, bekommt die zwischenmenschliche Umgehensweise miteinander groteske Züge. Es fällt kaum noch ein freundliches Wort. Es werden Filmgrößen zitiert, besonders dann, wenn sie verbal ausfallend waren. Grosspolitische Visionen haben wir bei PIZZA Salami und Afri Cola ausformuliert und es wurde immer wieder die eigene Männlichkeit lobend hervorgehoben. Ich denke, Außenstehende haben in dieser Zeit öfters mit dem Gedanken gespielt, den hiesigen Amtsarzt zu informieren.
5.1 Abmischung
Nach ca. 10 Wochen waren die Songs eingespielt und den Filmszenen angepasst. Der Film im Rohcut fertiggestellt.
Die 5.1 Abmischung erwies sich als sehr zeitraubend. Die Software, egal ob die für den Sound oder den Filmschnitt, war mit der anfallenden Datenmenge überfordert. Updates und Geduld waren die einzigen „Rettungsanker“. Das Bildmaterial setzt sich aus 20.000 Elementen zusammen (Effekte, Blendungen, Schnitte), die Musik und der Sound aus bis zu 30 Spuren. Bei einer Projektlänge von 104 min winkte dann gerne die Software ab. Ätzend!!
Die 5.1 Mischung die ich von den DVDs der Hollywood Filme kenne, finde ich sehr, sehr zahm. „Route66...“ sollte da mutiger zur Sache gehen. Also Konsumer 5.1 Anlagen beschafft (Studioboxen haben nun mal die wenigsten zuhause) und dann eine richtige „Männerabmischung“ fertiggestellt. Interessant sowie erschreckend ist die Tatsache, dass Extremabmischungen sich auch extrem anders auf den jeweiligen Fabrikaten bemerkbar machen.
Urheberrecht
Die drei eigentlich recht sympathischen Ossi-Jungens, die bei ihrem „Stolpern durch die USA“ keinerlei Gedanken an den Sound verschwendet haben, machten die Sache damit nicht gerade einfacher.
Oft dudelte im Hintergrund aus irgendeinem Radio Musik. Ich sage nur: Urheberrecht, Anwälte, Knast und exorbitante Geldstrafen! Also raus mit dem Mist und nachvertonen.
Wo bekommt man einen Cadillac-Sound, ein authentisches Türenknallen, eine Cessna, welche sich anhört, als ob sie zum Angriff auf Feldhamster ansetzt....usw. her? Also mit dem Mikro und dem DAT-Recorder raus in die bürgerliche Kaiserstadt und den RECORD-Button gedrückt halten. Das Cadi-Fahrgeräusch z. B. ist ein alter VW Bulli Diesel bei Tempo 70km/h … :O)
Die Musik, die man nun überall im Hintergrund dudeln hört (bei Mc Donalds, im Burger King ect.), ist alles gemafreies VALLEYFORGE Zeugs – ALLES!
Besonders dämlich erwies sich die Stelle, an der Stefan den ALEX aus Amarillo über die Cadillac-Ranch befragt und von diesem dabei irgendeinen Stuss von einem PHANTOM DOG verklickert bekommt. Hier lief im Autoradio ein Jammersong von MOBY.
Also riefen wir MOBYs Verlag in Berlin an. Eine wahrscheinlich 20 jährige Praktikantin mit Hauptschulabschluss Abendschule, Notendurchschnitt 4,3, hochnäsiger als das gesamte britische Königshaus, teilte uns mit einer süffisanten Stimme ihre Einschätzung der Lage mit. Toll, auf so ne "Perle" hatten wir ein Leben lang gewartet!
Mobys Plattenfirma war da schon sachlicher, faselte aber was von 3.500 Euro, 6wöchiger Bedenkzeit und einer extrem eingeschränkten Verbreitung des Filmmaterials. Und das für 50 Sekunden von Wind und Außengeräuschen verdecktes, kaum zu identifizierendes Gedudel des New Yorker Ausnahmemusikers…
Stefan und ich schauten uns an: „Hau weg den MOBY-Scheiß, Tonmann!“ „Jawoll, mein Produzent!“ schrie ich, wie ein deutscher Landser beim Appell.
Synchronisation
Wie synchronisiert man einen texanischen Kerl, der nicht mehr alle Tassen im Schrank hat? Ich, mit meinem Köln–Aachener Deppendialekt, der sich anhört wie ein stark angetrunkener, durchs Hartz4 Raster gefallener Müllkippenvorarbeiter? Stefan, mit der etwas verschlafenen, stark mitteldeutsch akzentuierten Stimme, inklusive Hang zum Sprachfehler? Och nee … das wäre Slapstick vom Niveau „WDR Fernsehen – Fakten, Hintergründe, Neuigkeiten“
Da half uns schließlich mein belgischer Musikerkollege GODFRID STOCKMAN. Ein belgischer Akzent ist glaubwürdig. Für uns jedenfalls.
Danke an Godfrid!
Nun da wir sehr viel O-Ton konstruieren mussten, gefiel uns die Idee verschiedene RADIO Sender zu kreieren. Ja sogar soweit, dass diese dem Streifen so etwas wie eine versteckte Message mit auf den Weg geben könnten.
Stefan „erfand“ unsere 3 heimlichen Hauptdarsteller – analog zu den drei realen Abenteurern:
Brother Abraham – (Radio Wave Emotion) der Prediger. Segnet die "Pilgerfahrt" der Jungs, von Washington zum San Diego Airport, bis sich herausstellt, dass er weltliche Interessen hegt. Er ist Anteilseigner des San Diego International Airports und setzt sich unter göttlichem Vorwand fuer seinen Geldbeutel ein.
Jack Manson (Radio V-Rock). Der Redneck unter den Radiosprechern. Militant, latent einwanderfeindlich und ein Musterbeispiel eines arroganten Vertreters der Plattenindustrie. Natürlich Mitglied der National Rifle Association.
Fernando Martinez (Radio Dio Texas) - der naive Einwanderer. Schlecht informiert und grundsympatisch.
Einige E-Gitarren Passagen übernahm der Musiker maxxess (Max Schiefele). Mein Gitarrenspiel verdient maximal die Note 5-. Deshalb hätten z. B. die Gitarrenpassagen an der Tanke, oder die Country-Einlagen während einiger Fahrtszenen das Erscheinen des Filmes um mindestens 8 Jahre verzögert.
Dank an Max!
Die Erzählerstimme übernahm Stefan. Nicht aus der Not heraus, sondern aus meiner Einschätzung gegenüber des Charakters und der Glaubwürdigkeit des Filmes.
Während meiner Arbeit in meinem Tonstudio seit 1993 habe ich Sprachaufnahmen mit professionellen Sprechern (bekannte Stimmen aus Funk und TV) durchgeführt. Klar die klingen amtlich, wie z. B. nach „BIG MAC, jetzt nur für 1,99“ oder „die neue S-Klasse nun auch endlich in SILBER bei Ihrem freundlichen MB–Händler!“ ... nee nix für unseren Film.
Soundtrack
Für den Film „Route 66…“ habe ich, bis auf einen Song („Leaving to Nothing“ von 1995 ), alle Songs neu komponiert, arrangiert und eingespielt.
Für den
CD-Soundtrack sind die Songs umarrangiert, neu eingespielt und abgemischt.
Ich wünsch euch viel Spaß beim Sehen und Hören des Films "Route 66 - ein amerikanischer albTraum"